Zuerst etwas, das Sie und ich mit großer Wahrscheinlichkeit beide schon getan haben. Die Schranktür geht auf, man steht fünf Minuten und überlegt – und am Ende greift die Hand doch zu dem schwarzen Kleid. Man trägt es zum Date, zum Vorstellungsgespräch, und wenn man gar nicht weiß, was man anziehen soll, wieder es: Es geht nie schief. Sein Platz im Kleiderschrank gleicht dem des Punktes in der Zeichensetzung: Jeder Satz lässt sich mit ihm beenden.
Vor gut hundert Jahren bedeutete Schwarz etwas völlig anderes. Es war zuerst die Farbe der Trauer. Königin Victoria trug nach dem Tod ihres Mannes, Prinz Albert, fast vierzig Jahre Schwarz; wie lange die Trauerkleidung einer Witwe zu tragen war und wie schwarz sie sein musste, dafür gab es damals ein ganzes Regelwerk. Daneben war Schwarz die Uniformfarbe der Dienstmädchen und der Verkäuferinnen in Kaufhäusern: billig, schmutzunempfindlich, unauffällig. Dass eine anständige Frau im Alltag ganz in Schwarz ausging, war in jener Zeit eine etwas unheimliche Sache.
Vertraut mit Schwarz machte den Menschen der Krieg. Nach dem Ersten Weltkrieg waren Europas Straßen voll junger Witwen in schwarzen Kleidern; zum ersten Mal trat Schwarz in großem Maß in den Alltag ein und gehörte nicht mehr nur zur Beerdigung. Als Chanel 1926 ein äußerst schlichtes schwarzes Kleid in die amerikanische Vogue brachte, stimmte der Zeitpunkt genau. Das Kleid war aus schwarzem Seidenkrepp, langärmelig, mit tiefer Taille, ohne eine einzige überflüssige Verzierung, und auf dem Foto trug es nur eine weiße Perlenkette dazu. Der Kommentar der Vogue wurde später unzählige Male zitiert: Dies, sagten sie, sei Chanels Ford – so wie der Ford Model T werde dieses Kleid von Frauen auf der ganzen Welt getragen werden.

Dieser Ford-Vergleich ist der Schlüssel. Die Stärke des Model T lag nicht in der Leistung, sondern darin, dass er das Auto vom Spielzeug der Reichen zum Haushaltsgegenstand gewöhnlicher Menschen machte. Chanel tat dasselbe: Sie nahm das Gefühl von Hochwertigkeit aus dem Anhäufen von Material und Verzierungen heraus und ließ nur die saubere, klare Linie stehen. Sie selbst trug jahrelang schwarze Kleider und hatte in jungen Jahren als Verkäuferin gearbeitet; wie sich eine Uniform anfühlt, wusste sie besser als jede andere. Ein Satz von ihr wird oft zitiert, ungefähr so: Sie habe der Mode das Schwarz aufgezwungen, weil Schwarz alles um es herum auslöschen könne. Es hieß damals auch: In diesem Kleid könne man die Dame des Hauses nicht von ihrem Dienstmädchen unterscheiden. Heute klingt das wie ein Kompliment; im standesbewussten Damals lag darin eine kleine Panik der Oberschicht.
Die Prophezeiung der Vogue erfüllte sich schnell. Die anderen Pariser Designer – folgten sie? Sie folgten. Die amerikanischen Kaufhäuser brachten das gleiche Modell in allen Preislagen heraus, von der Haute Couture bis zur Konfektionstheke: Innerhalb weniger Monate verkaufte ganz Amerika schwarze Kleider. Ein Kleid brachte Original und Nachahmung zum ersten Mal so nahe zusammen; die Demokratisierung der Mode klingt schön, dahinter stand in Wahrheit eine Übung der Bekleidungsindustrie.
In den vierziger Jahren gab der Krieg ihm einen weiteren Schub. Großbritannien rationierte die Kleidung, und ein schwarzes Kleid, das sich gut trug, schmutzunempfindlich war und bei keinem Anlass die Etikette verletzte, wurde zur vernünftigsten Wahl. Dasselbe Kleid: tagsüber mit einer Jacke ins Büro, abends Jacke weg, Schuhe gewechselt – ein anderer Auftritt. Das Wort „ein Stück, viele Auftritte“, das heute jeder im Mund führt, hatte das kleine Schwarze schon vor hundert Jahren verwirklicht; es dürfte der früheste Musterschüler der Garderoben-Ökonomie sein.
In den Jahrzehnten danach wurde dieses Kleid in Abständen immer wieder neu erfunden. In den dreißiger Jahren hinterließ Wallis Simpson einen Satz: Wenn ein kleines Schwarzes sitzt, gibt es nichts anderes zu tragen. Die Frau, die das sagte, war selbst eine Meisterin des kleinen Schwarzen; auf ihren erhaltenen Fotos erscheint das schwarze Kleid mit erstaunlicher Häufigkeit. 1961 erschien das kleine Schwarze, das Givenchy für Audrey Hepburn angefertigt hatte, in „Frühstück bei Tiffany“; das Bild von ihr, wie sie mit einem Croissant vor dem Schaufenster von Tiffany steht, wurde zu einem der berühmtesten Modebilder des zwanzigsten Jahrhunderts. Dieses Kleid wurde 2006 bei Christie's für über 460.000 Pfund versteigert. Ein schlichtes schwarzes Kleid, versteigert zum Preis eines Oldtimers.

Mein persönlicher Lieblingsauftritt fand 1994 statt. An dem Abend, an dem Prinz Charles in einem Fernsehinterview die Untreue in seiner Ehe eingestand, erschien Diana in einem schulterfreien schwarzen Kleid bei einem öffentlichen Dinner; die Fotos waren am nächsten Tag in allen Zeitungen, und später gab man ihm einen Namen: das „Revenge Dress“ (Rachekleid). Entworfen hatte es die Designerin Christina Stambolian; Diana hatte es drei Jahre zuvor gekauft und immer für zu gewagt gehalten, um es zu tragen. Dieses Detail mag ich bis heute sehr: Es zeigt, dass das Rachekleid keine kurzfristig gekaufte Rüstung war, sondern eine Entscheidung, die drei Jahre im Schrank gewartet hatte. Die Sprache, die es benutzte, war exakt die von 1926: keine Erklärung, kein Vorwurf – eine Gestalt in Schwarz steht da, und der Sinn ist vollständig angekommen.
Sie haben es vermutlich bemerkt: In der Bilanz dieses Kleides stehen lauter konkrete Frauen – eine Königin, Witwen, eine Designerin, die als Verkäuferin angefangen hatte, eine Prinzessin. Anders als viele klassische Stücke stützt es sich nicht auf eine Marke; es wurde von Generation zu Generation gewöhnlicher Menschen getragen. Weil genügend Menschen es trugen, wurde es zum Klassiker.
In den achtziger Jahren traten Frauen in großer Zahl in die Büros ein, und das kleine Schwarze bekam ein neues Gesicht: Mit einem Schulterpolster-Blazer darüber wurde es zur Rüstung der ersten Generation von Berufstätigen. Verbindet man diese Punkte, sieht man: Jede seiner Verwandlungen trat genau an dem Punkt auf, an dem sich die Lebensweise von Frauen veränderte. Der Grund dahinter ist nicht geheimnisvoll: Es hat keine Verzierungen zu bedienen, wählt keine Anlässe aus und verlangt vor dem Ausgehen keine mühsame Abstimmung – am Morgen greift man es und geht. Menschen, die hinausgehen und Dinge erledigen müssen, brauchen genau solche unkomplizierten Kleider. Dass dieses Kleid seit 1926 für solche Frauen bereitsteht, ist kein Zufall; es ist sein Naturell.
Nur das schwarze Kleid überlässt das Sprechen der Frau, die es trägt.
Sieht man zurück, hat das kleine Schwarze hundert Jahre gelebt; sein Entwurf hat sich ständig verändert, doch was wirklich gleich blieb, ist, dass es nichts sagt. Das Paillettenkleid sagt „Sieh mich an“, das Blumenkleid sagt „Ich bin gut gelaunt“ – nur das schwarze Kleid überlässt das Recht zu sprechen der Frau, die es trägt. Das Exemplar in Ihrem Schrank heute mag aus gewöhnlichem Stoff und ohne klingende Marke sein, doch es erbt genau diese Logik: Je formeller der Anlass, desto weniger kann es schiefgehen; je komplizierter die Stimmung, desto verlässlicher ist es.

Wenn Sie das nächste Mal unentschlossen vor dem Kleiderschrank stehen, wird die Hand mit großer Wahrscheinlichkeit wieder zu ihm greifen. Anziehen, ausgehen, nicht mehr nachdenken. Viele Morgen in hundert Jahren sind genau so vergangen.


